Ein Haus, das den Garten hereinlässt
Durch die offenen Fenster kommen Motten rein, manchmal Fliegen, manchmal auch Zeug, das ich lieber gar nicht erst identifizieren möchte. In den Ecken machen es sich Spinnen gemütlich. Die Katzen bringen ihre eigenen Vorstellungen von Freizeitgestaltung mit, der Hund seine, das Kind seine – und die Pflanzen glauben offensichtlich auch, dass sie hier ein Wort mitzureden haben.
Und rund ums Haus wächst der Garten. Kletterpflanzen ranken sich an den Wänden hoch, zwischen den Bäumen blitzen Teile unseres Hauses hervor, und die Grenze zwischen „drinnen“ und „draußen“ ist manchmal wirklich rein reine Auslegungssache.
Mein Haus ist nicht steril. Und genau dafür liebe ich es.
Ein Haus wie auf Pinterest ist wunderschön, weil darin nichts passiert. Mein Haus ist genau deshalb schön, weil darin verdammt viel passiert.
Klar weiß ich, dass so ein Pinterest-Haus nur ein Foto ist. Ein eingefangener Moment, ein perfekt inszenierter Ausschnitt. Man weiß nie, was außerhalb des Bildausschnitts liegt – manchmal nicht mal, was direkt hinter der Kamera abgeht. Mittlerweile sieht man ja auch immer öfter diese Bilder, die die andere Seite zeigen: vollgestopfte Ecken, Stapel von Kram und all das, was man schnell aus dem Bild räumen musste, damit dieses eine perfekte Foto entsteht.
Aber im echten Leben ist es doch ganz ähnlich. Wenn wir jemanden besuchen, sehen wir das Haus meistens auch nur in einem ausgewählten Moment – herausgeputzt für unseren Besuch. Erst wenn man Menschen besser kennenlernt, sieht man, wie ihr Alltag wirklich aussieht.
Und je mehr Leben in einem Haus steckt, desto schwieriger wird es mit der Perfektion. Tiere, Kinder, der Garten, eigene Hobbys, Besuch, Projekte, der ganz normale Haushaltskram. Irgendwas wird gerade gemacht, irgendwas wartet aufs Aufräumen, irgendwas wurde „nur kurz“ abgelegt – und liegt da jetzt seit drei Tagen.
Aber genau so sehen doch die meisten Häuser aus, in denen wirklich gelebt wird.
Es gibt nicht den einen richtigen Weg, ein Zuhause zu führen.
Und trotzdem haben wir über die Jahre gelernt, uns gegenseitig danach zu bewerten, wie unsere vier Wände aussehen. Als gäbe es ein allgemeingültiges Maß an Ordnung, die eine richtige Einrichtung und die einzig wahre Art, sich um sein Zuhause zu kümmern.
Nur: Warum eigentlich?
Dass mir etwas wichtig ist, heißt doch noch lange nicht, dass es für jemand anderen genauso wichtig sein muss. Der eine hat einen perfekt gestutzten Garten, der andere eine halbwilde Dschungellandschaft. Die eine hat eine blitzblanke Arbeitsplatte in der Küche, die andere Bücher, Spielzeug und die Kaffeetasse von heute Morgen. Das eine Haus sieht aus wie aus dem Katalog, das andere ist voller Dinge, die ihre eigene Geschichte erzählen.
Und ich wüsste wirklich nicht, warum wir das eine besser finden sollten als das andere.
Bei uns ist die Grenze zwischen Haus und Garten eher so eine grobe Orientierungshilfe.
Der Garten hört schließlich nicht an der Türschwelle auf. Manchmal spazieren Spinnen, Motten, Fliegen, Schnecken oder sogar Mäuse rein. Die Grenze zwischen „wir leben nah an der Natur“ und „das möchte ich aber trotzdem nicht im Bett haben“ aufrechtzuerhalten, macht manchmal echt ordentlich Arbeit. 😉
Aber wir haben gelernt, mit all den Lebewesen zu wohnen, die um uns herum zu Hause sind.
Und ich glaube, genau das ist eines der Dinge, die ich an unserem Zuhause am meisten liebe.
Wenn ich morgens meinen Kaffee auf der Terrasse trinke oder wir zusammen frühstücken, kann ich hinterm Zaun Rehe über das Feld spazieren sehen. Manchmal huscht ein Fuchs vorbei, manchmal schaut ein Igel im Garten vorbei.
Unter dem Dach haben wir ein Hornissennest – das ist jetzt weniger romantisch. 😄 Aber um uns herum leben auch Wildbienen, Hummeln, Grashüpfer, Fledermäuse, Tauben, Eulen, Mäusebussarde, Milane, Mauersegler, Schwalben… und noch unzählige andere Geschöpfe.
Wir hatten eine Zeit lang sogar eigene Bienenstöcke im Garten. Ich hoffe wirklich, dass wir dazu irgendwann wieder zurückkommen, weil das ein unglaublich faszinierendes, wenn auch absolut nicht einfaches Hobby ist.
Durch unsere großen Terrassentüren verfliegt sich auch manchmal ein Vogel. Er erwischt einfach die falsche Abzweigung und landet statt im Garten mitten im Wohnzimmer. Dann setzt er sich auf unsere Zimmerpflanzen, hinterlässt ein paar Federn und – natürlich – auch das eine oder andere weniger dekorative Souvenir. 😄
Das hier ist kein Haus, das sich von der Welt abschottet.
Es ist ein Haus, in das die Welt manchmal einfach hineinkrabbelt.
Unser Zuhause ist auch ein Stück weit das Spiegelbild davon, wie wir leben.
Wir beide haben verdammt viele Interessen, Leidenschaften und Ideen. Wir lieben verschiedene Sportarten, ich versuche mich seit Jahren kreativ weiterzuentwickeln und baue genau daraus gerade mein eigenes Business auf. Mein Mann macht seinen eigenen Wein und Met – wir haben also Weinreben im Garten, das ganze Equipment im Keller und eine kleine Hausbrauerei am Start. Wir haben sogar schon versucht, eigene Pilze zu züchten. Vielleicht klappt das ja irgendwann noch.
| Ein Gast, mit dem man nicht unbedingt rechnet... |
Dazu noch Bienen, Angeln, Berge, Klettern, Skifahren, Radfahren und eine ganze Menge Ausrüstung, die man für das alles eben so braucht. Und jetzt ist da noch ein Kind, das natürlich auch seine ganz eigenen Ideen, Interessen und den Drang hat, Dinge zu erschaffen.
Wir wollen, dass jeder bei uns zu Hause seinen eigenen kleinen Platz für sich hat. Und genau deshalb entsteht um uns herum wohl dieses organisierte Chaos.
Dinge sind einfach da.
Viele Dinge.
Manche haben ihren festen Platz, andere warten gerade darauf, dass wir einen besseren für sie finden, und wieder andere liegen genau dort, wo sie zuletzt gebraucht wurden. Ab und zu machen wir eine große Aufräumaktion – und zack, sieht für einen kurzen Moment alles fantastisch aus. 😉
Und klar haben wir auch solche Ecken und Schränke, die man vor Besuchern lieber nicht öffnet.
Aber wir brauchen es wohl einfach nicht, dass jeder Gegenstand in unserem Haus perfekt im Regal steht, am besten noch mit einem Etikett versehen, was er eigentlich ist.
Für uns ist es viel wichtiger, das zu finden, was wir brauchen, genau dann, wenn wir es brauchen.
Denn dieses Haus ist kein Lagerraum für Dinge, die nur gut aussehen sollen. Es ist ein Ort, an dem wir Dinge ausprobieren, lernen, erschaffen, entspannen und einfach leben.
Dieses Haus lebt einfach.
Darin leben Menschen, Tiere, Pflanzen, unsere Sachen, Ideen und all die Projekte, an denen wir gerade arbeiten oder die wir noch vorhaben.
Das Leben kommt aus dem Garten herein und fließt wieder hinaus. Und genau deshalb will ich gar nicht, dass es perfekt wird.
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